|
Unter gewissen Voraussetzungen können wir HIV-betroffenen Paaren
bei der Verwirklichung des eigenen Kinderwunsches gut helfen.
In
der Regel sind dabei die Vorgaben der Empfehlungen deutscher und
österreichischer Fachgesellschaften für uns maßgebend.
Diese
Empfehlungen wurden im Dezember 2000
erstellt und im Juni 2008 überarbeitet. PD Dr. Kupka hat an
diesen mitgearbeitet.
Auch
international haben sich schon einige medizinische Verbände mit
Empfehlungen geäußert, die wir im Kontext der deutschen
Gesetzt beachten (Quelle 2 - 6).
Wissenschaftlich
beschäftigen wir uns hier in der Maistrasse ebenfalls intensiv
mit dem Thema HIV und Kinderwunsch (Quelle 7-12).
Prinzipiell
sind folgende Möglichkeiten zur Behandlung bei Kinderwunsch
denkbar. Wir möchten gerne in Übereinstimmung mit Ihren
Vorstellungen dabei einen Weg wählen, bei dem Chancen auf eine
Schwangerschaft und Risiken der Virusübertragung in einem
realistischen Verhältnis stehen.
HIV-Infektion
des Mannes
Es
ist allgemein bekannt, dass HIV durch Ejakulat übertragen
werden kann und vorwiegend im Seminalplasma und in der
Begleitzellfraktion nachweisbar ist. Dagegen wurde über viele
Jahre intensiv die Frage diskutiert, ob auch Spermien als
Virusträger in Frage kommen. Den aktuellen Stand der Diskussion
kann man dahingehend zusammenfassen, das eine Assoziation von
HIV mit reifen, vitalen Spermien zwar nicht mit endgültiger
Sicherheit auszuschließen, auf der Basis der neueren bekannten
Befunde aber außerordentlich unwahrscheinlich ist.
Ist
der Mann HIV-infiziert, können z.B. Verfahren der assistierten
Reproduktion mit aufbereiteten, virusfreien Spermien das
Infektionsrisiko für die Partnerin minimieren.
Erst
mit Einführung der routinemäßigen Testung aller aufbereiteten
Spermienproben durch hochsensitive, molekularbiologische
Nachweisverfahren wurde ab 1997 das Behandlungsangebot
ausgeweitet. So hat beispielsweise das Labor, mit dem wir
kooperieren, eine Nachweisgrenze von 5 Kopien/ml im Ejakulat.
Spermiogramme
HIV-positiver Männer weisen oft qualitative Einschränkungen
auf. Dies kann virus-assoziiert oder medikamenten-assoziiert
sein. Die Kryokonservierung von Ejakulatproben bewirkt
prinzipiell ebenfalls eine Verschlechterung der Qualitätsmerkmale
nach dem Wieder-Auftauen. Somit hat sich das
Standard-Therapieverfahren der ICSI (intrazytoplasmatischen
Spermieninjektion) bei HIV-diskordanten Paaren mit positivem
Mann durchgesetzt. Der Vorteil dieser Methode besteht darin,
dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
HI-virusfreies Ejakulat verwandt wird und dass durch die
Anwendung der ICSI-Methode die Qualitätsbeeinträchtigungen des
Ejakulates ausgeglichen werden können. Die
Schwangerschaftsraten variieren je nach Alter der Frau zwischen
25 und 35 Prozent pro Behandlung. Der Nachteil der Methode
besteht in der Aufwendigkeit des Verfahrens (ovarielle
Stimulation, Eizellentnahme in Narkose etc.) und den Kosten.
Abbildung 1 Ablauf der Therapie
mit Ejakulat-Aufarbeitung und Testung
In
der Schweiz wurde im Mai 2008 von einigen Kollegen ein statement
formuliert, dass unter gewissen Voraussetzungen auch den ungeschützten
Verkehr in dieser Konstellation propagiert (Quelle 13). Dies
wird seitdem nicht nur in der Schweiz heftig diskutiert (Quelle
14).
Zu
den Voraussetzungen dabei zählt z.B., dass die antiretrovirale
Therapie durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und
durch den behandelnden Arzt kontrolliert wird.
Die
Viruslast soll seit mindestens sechs Monaten unter der
Nachweisgrenze liegen. Es sollen keine Infektionen mit anderen,
sexuell übertragbaren Erregern bestehen.
Eine
weitere Strategie besteht in der Einnahme einer Präexpositionsprophylaxe (PrEP) der Frau mit anschließend
geplantem Geschlechtsverkehr. Dazu sollen eine Normozoospermie (gutes Spermiogramm) und eine Viruslast unter der
Nachweisgrenze liegen.
Für
die beiden letztgenannten Strategien liegen keine gesicherten
Daten über Transmissionsraten vor. Hier soll ein europäisches
Register helfen, welches bei entsprechender finanzieller Unterstützung
Daten online aufnehmen soll (CREAThE registry, Centres
for reproductive assistance techniques in hiv
infected individuals in Europe
aus St. Gallen in der Schweiz).
Grosse
Datensammlungen zu dieser Therapiestrategie liegen bislang nicht
vor. Aus den vergangenen 10 Jahren werden mindestens 235
Therapiezyklen an 93 HIV-diskordante Paaren überblickt. Diese führten
zu 46 Schwangerschaften und 37 Geburten, ohne dass eine
Infektion von Mutter oder Kind eingetreten wäre (Quelle 15).
|
Frau
|
Mann
|
Kommentar
|
|
-
|
+
|
·
virusfreies
Ejakulat nach Aufarbeitung, Testung und Kryokonservierung
wird verwandt für: Insemination, IVF, ICSI
·
donogene
Insemination (Spendersamen-Behandlung)
·
ungeschützter
Verkehr in bestimmter Konstellation
·
Präexpositionsprophylaxe
(PrEP) der Frau mit anschließend geplantem
Geschlechtsverkehr in bestimmter Konstellation
|
|
+
|
-
|
Selbstinsemination
mittels konvertiertem Kondom
bei
niedriger Viruslast
|
|
+
|
+
|
nach
umfassender Beratung wird im Einzelfall
über eine reproduktionsmedizinische Unterstützung
entschieden
|
Tabelle 3
reproduktionsmedizinische Optionen bei HIV-betroffenen Paaren
HIV-Infektion
der Frau
Ist
die Frau HIV-infiziert, sind neben dem Infektionsschutz
des gesunden Partners auch mögliche
Interaktionen von Infektion und Schwangerschaft
sowie insbesondere das Infektionsrisiko
des erhofften Kindes zu berücksichtigen. Sofern keine Fertilitätshindernisse
vorliegen, ist durch Selbstinsemination eine
Konzeption ohne reproduktionsmedizinische
Intervention möglich. Hier wird
in der Regel ein konvertiertes Kondom benutzt. Intensivere
Therapien sind in der Einzellfallentscheidung zu diskutieren und
hängen u.a. auch vom Votum der lokalen Ethik-Kommission ab.
Hier gilt in der Regel eine ähnliche Therapieauswahl, wie im
Bereich der nicht-infizierten Paare. Bei Tubenverschluss kann
eine in-vitro-Fertilisation indiziert sein, bei ausgeprägtem
andrologischem Faktor eine ICSI-Behandlung.
Bei
mindestens einem funktionsfähigen Eileiter, guter ovarieller
Reserve und ausreichender Ejakulatqualität ist auch eine
Inseminationsbehandlung möglich. Wichtig ist hierbei die
interdisziplinäre Kooperation zur Festlegung der
antiretroviralen Therapie.
HIV-Infektion
der Frau und des Mannes
Vor
der Novellierung der Gemeinsamen Empfehlungen der Deutschen
AIDS-Gesellschaft war eine reproduktionsmedizinische Therapie
nicht empfohlen worden. Nun wird eine Einzelfall-Entscheidung
propagiert.Aus unserer
Erfahrung heraus ist dies – gerade im Hinblick auf die neue
Festlegung des gemeinsamen Bundesausschusses zur Finanzierung
– eine sinnvolle Strategie, bei der jedoch ein
Schwerpunktzentrum mit reproduktionsmedizinischen,
internistischen und psychologischen/psychosomatischen
Ansprechpartnern konsultiert werden sollte.
Da
wir im Rahmen einer Universitätsklinik verpflichtet sind, in
ethischen Fragen im Konsens zu arbeiten und keine Ärztin/Arzt
prinzipiell gezwungen werden kann sich an
reproduktionsmediznischen Behandlungen zu beteiligen, haben wir
Ethik-Anträge an die entsprechend eKommission des Klinikum
gesandt, die unser Handeln beschreiben. Wir wurden angehalten
bestimmte Kriterien zu definieren, in denen eine Behandlung
nicht durchgeführt werden kann bzw. sollten wir Definitionen
geben, wann die sogenannte Klinikkonferenz über einen
Behandlungsfall diskutiert und abstimmt.
Ausschlusskriterien
|
allgemein |
ungeschützter Verkehr nach Kenntnis der Infektion
nicht
ausreichende Sprachkenntnisse
psychische oder andere
Zustände, die die Entscheidungsfähigkeit der Patientin
beeinträchtigen
Drogenabhängigkeit
inadäquate
Compliance für die Fortführung einer antiretroviralen
Therapie
aktuelles Stadium B3 oder C nach CDC
Klassifikation |
|
beim Mann |
Viruslast >
1.000 Kopien/ml
instabiler
CD4 Status in den letzten 6 Monaten
Resistenzen
gegen AZT (Zidovudin) und NVP (Nevirapin)
Komorbiditäten wie chronische Hepatitis-B-Infektion,
Hepatitis-C- Infektion |
|
bei der
Frau
|
Viruslast >
1.000 Kopien/ml
instabiler
CD4 Status in den letzten 6 Monaten
Resistenzen
gegen AZT (Zidovudin) und NVP (Nevirapin)
Komorbiditäten wie chronische Hepatitis-B-Infektion,
Hepatitis-C- Infektion
andere Grunderkrankungen, die gegen die
Austragung einer Schwangerschaft sprechen (Malignome,
Osteopathien) |
Wir stützen uns bei
diesem Konzept auf zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen
und auf die bereits erwähnte Deutsch-Österreichische Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung
HIV-diskordanter Paare mit Kinderwunsch.
Weitere Einzelheiten
müssen in einem persönlichen Beratungsgespräch erörtert werden.
Kostensituation
Seit dem 16-09-10 kann auf
Initiative der Patientenvertretung im Gemeinsamen
Bundesausschuss künftig verheiratete HIV-infizierte Paare mit
Kinderwunsch eine Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung
herbeiführen und die Unterstützung der Gesetzlichen
Krankenversicherung nach §27a in Anspruch nehmen.
Bisher
gab es keinen Anspruch auf Kostenübernahme durch die
Krankenkassen, wenn einer der beiden Partner HIV-positiv ist.
Für
die rund 56.000 HIV-infizierten Menschen in Deutschland ist der Beschluss des G-BA ein wichtiges Signal. Rund 19 Prozent
der Patienten sind weiblich und die meisten zwischen 20 und 40
Jahre alt.
Am
1. Dezember 2010 wurde dieses im Bundesanzeiger veröffentlicht
(Nr. 182, S. 4003) und somit tritt der Beschluss am 2. Dezember
2010 in Kraft.
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Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
(DGGG), der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der
Viruskrankheiten (DVV), der Kommission für Antivirale
Chemotherapie der Gesellschaft für Virologie (GfV), des
Bundesverbandes reproduktionsmedizinischer Zentren
Deutschlands e.V. (BRZ), der Deutschen Gesellschaft für
gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin
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